„Das Turiner Grabtuch – ein Geheimnis das das Leben verändert“

Unter diesem Titel referierten die Wissenschaftler Barrie Schwortz, 1978 selbst offizieller Fotograf bei Untersuchungen des Grabtuches und Mitglied eines Team von zumeist Amerikanern, das in eingehenden wissenschaftlichen Untersuchungen und Probenentnahmen das Leichentuch untersuchte, und Petrus Soons auf dem Hauptvortrag der MOVE über die „Santa Sindone“, wie sie in Italien genannt wird.

(Dr. Andrea Neuhaus, freie Journalistin)

Mehr als 100 Jahre wissenschaftliche Untersuchungen

In den vergangenen Wochen war in Turin das Grabtuch ausgestellt worden – zum ersten Mal seit dem Jubiläumsjahr 2000. Das Turiner Grabtuch ist Gegenstand der Verehrung wie der Skepsis: Es gilt vielen Gläubigen als kostbarste Reliquie der Christenheit. Doch die Kontroverse um seine Echtheit reißt nicht ab. Im Hauptvortrag der MOVE, des Familien- und Jugendtreffens organisiert durch das Regnum Christi, präsentierten die beiden Wissenschaftler Petrus Soons und Barrie M. Schwortz ihre Forschungsergebnisse.

Der Überlieferung nach wurde der Leichnam Jesu in das 4,36 m lange und 1,10 m breite Leinentuch gehüllt. Schwere Brände haben es beschädigt, doch nicht zerstört. Blut- und Wasserspuren sind auf dem Tuch, es hält die forensischen Details einer Auspeitschung und Kreuzigung fest. Das Blut auf dem Tuch ist echtes menschliches Blut. Zart und schattenhaft ist außerdem das Abbild eines menschlichen Körpers zu erkennen. „Die Wunden entsprechen exakt den Beschreibungen der Evangelisten,“ erklärt der niederländische Mediziner Petrus Soons.

Seit mehr als 100 Jahren interessiert sich die Wissenschaft für das Tuch. 1898 erstellte der Turiner Ratsherr, Rechtsanwalt und Amateurfotograf Secondo Pia die ersten Fotografien. Erst in der Negativabbildung wurden Gesicht und Körper des Gekreuzigten deutlich sichtbar: Die moderne Fototechnik enthüllte also das Geheimnis des Leinentuchs.

1931 fertigte der italienische Fotograf Giuseppe Enrie weitere Aufnahmen an. Petrus Soons benutzte sie als Ausgangsmaterial für seine Untersuchungen. Es gelang ihm, aus den Fotos Hologramme herzustellen, dreidimensionale Abbildungen also. Dies sei nur möglich gewesen, weil das Grabtuch dreidimensionale Informationen enthält, erklärt er. Bei Gemälden sei dies nicht der Fall. „Die dreidimensionalen Modelle haben gezeigt, dass das Abbild des Körpers anatomisch korrekt ist“, erklärt Soons. Sie bestätigen bekannte Befunde, offenbaren aber auch bisher unbekannte Einzelheiten.

Das Bild eines Mannes, wie die Evangelisten Jesus beschreiben

Dennoch verstummen die Zweifel an der Echtheit des Leinentuchs nicht. Das schwache, konturlose Bild eines Körpers, das zwischen den Blutspuren aufschimmert, gibt große Rätsel auf. Wie ist es entstanden? Farbpigmente konnten auf dem Tuch jedenfalls nicht nachgewiesen werden. Barrie M. Schwortz fasst zusammen: „Es ist ein Geheimnis, wie das Bild hergestellt wurde. Man kann nur sagen, was es nicht ist: Es ist kein Gemälde, es ist nicht das Produkt eines Künstlers. Aber es handelt sich um das reale Bild eines Menschen, der gegeißelt und gekreuzigt worden ist.“ Schwortz war der offizielle Fotograf des „Shroud of Turin Research Project“, das 1978 das Tuch wissenschaftlichen Analysen unterzogen hatte. Zunächst ging er davon aus, dass es sich um eine Fälschung handele. Besonders irritierten ihn Blutflecken in roter Farbe: Denn getrocknetes Blut ist braun. Doch dann beseitigten weitere Untersuchungen seine Zweifel. Die Blutflecken auf dem Tuch enthielten eine große Menge Bilirubin, eines Abbauprodukts des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin. „Dieser Zustand des Blutes entsteht als Folge schmerzhaftester Misshandlungen“, erklärt Schwortz. Eine anhaltende Rotfärbung sei die Folge. Er fügt hinzu: „Als Jude hatte ich keinerlei emotionale Beziehung zu dem Tuch. Doch die Wissenschaft hat mich, einen Skeptiker, überzeugt.“ Um die Öffentlichkeit über aktuelle Forschungsergebnisse zu informieren, hat Schwortz die Website www.shroud.com eingerichtet. Mittlerweile hatte sie schon über 12 Millionen Besucher.

Das Grabtuch von Turin bestärkt viele Menschen im Glauben. Den Nachweis seiner Echtheit muss wissenschaftliche Auseinandersetzung führen. Erst heute gelingt es der Forschung, viele Details dieses rätselhaften Tuchs zu entschlüsseln, es lesbar zu machen. Präzise gibt es Auskunft über den Vorgang einer Kreuzigung. Es liefert das Bild eines gemarterten, von den Wunden der Geißelung übersäten Leibs. Das Grabtuch spricht zu wissenschaftlich denkenden Menschen und zu Menschen, die ihren Glauben durch Bilder vertiefen möchten. Es hilft dem Gläubigen, die Leiden Christi zu betrachten, sie anzuschauen und zu erforschen.

 
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